Lass Dich nicht ver-rückt machen Lesung m. A.Büche

Bistro
Datum: 24. April 2019 19:00

Lesung mit Puja Angelika Büche Puja Angelika Büche liest aus ihrem Buch „Lass dich nicht ver-rückt machen“, einem  Mutmachbuch zum Thema Schizophrenie. Begleitet wird der Abend von Cellomusik.

Büche erkrankte als junge Cellistin überraschend an Schizophrenie, fand aber dank exzellenter Hilfen einen Weg aus der Krankheit. Nach ihrer Genesung studierte sie Sozialarbeit und arbeitete als Einzelfallhelferin mit jugendlichen Nazis.

 

Leseprobe

"Du bist das Tier!", brüllten die Priester. "Sucht sie,
sie ist gefährlich!" donnerten sie.

Ich fühlte mich aus tiefster Seele schuldig, durch und
durch böse. Trotzdem zögerte ich noch. Wie ein fernes Pfeifen
hörte ich eine Frauenstimme zustimmen: "Keiner wird dich
deswegen verurteilen, es ist wirklich das Beste!"

Stundenlang war ich durch die Nacht gelaufen und stand
jetzt auf der Brücke an der Kölner Universität. Ich sah auf
die Strasse unter mir, dann nach links und rechts. Es fuhren
nur noch wenige Autos und auch um mich herum sah ich keinen
einzigen Menschen.

Vorsichtig setzte ich einen Fuß über die Brüstung. Meine
Gedanken gellten für alle hörbar durch die Stadt.

Es soll jetzt schnell gehen, sagte ich mir und zog auch
das andere Bein über das Geländer. Dann holte ich tief Luft,
schloss die Augen und ließ mich fallen.

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Über mir blinkten die Lichter eines Krankenwagens und an
meiner Seite kniete eine junge Polizistin im Nieselregen.
Sobald ich begriff dass ich noch am Leben war, griff ich


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nach der Pistole, die die Polizistin an der Hüfte trug. Sie
reagierte blitzschnell, indem sie sich auf meine Oberschenkel
kniete und mir die Arme festhielt. Zwei Sanitäter kamen hinzu,
hoben meinen Körper vorsichtig auf ein Luftkissen, schnallten
mich fest und rasten los.

Ich presste verängstigt die Augen zu. Während mich
Schwestern und Ärzte ansprachen, röntgten und untersuchten
blieb ich stumm, blind und verwirrt.

Es dauerte nicht lange und ich lag erneut in einem
Krankenwagen. Dann spürte ich eine Injektion und verlor wieder
das Bewusstsein.

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Als ich aufwachte bemerkte ich, dass ich in einem
Krankenhausbett lag. Das Bett stand mitten im Flur und ich
begriff auch gleich warum: ich stank.

In den letzten Tagen hatte ich voller Angst in meiner
kleinen Studentenwohnung gehockt und mit einer seltsamen
Faszination den Stimmen gelauscht die seit kurzem aus dem
Nichts zu mir sprachen: "Bade lieber nicht, du wirst
vergiftet", hatten sie freundlich gewispert oder: "Leg dich
auf die Wiese am Teich im Klettenberg-Park, dann wirst du ganz


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friedlich sterben können". Wenn ich vor Angst zum Telefon
griff, hatten sie geschrien: "Nein! Du darfst mit niemandem
darüber sprechen!"

Es war Hochsommer und ich war froh als, gleich nachdem
ich aufgewacht war, zwei Krankenschwestern kamen und mich in
einem Rollstuhl zur Dusche fuhren. Sie kleideten mich
vorsichtig aus und ich blickte erstaunt an meinem Körper
herunter.

Erst jetzt, wo ich nackt da stand bemerkte ich, dass
meine Rippen unter meiner Haut hervorragten. Wann hatte ich
zum letzten Mal etwas gegessen? An den Oberschenkeln hatte ich
zwei große Blutergüsse und ich sah, dass meine Füsse, die ich
erst jetzt schmerzhaft spürte, ebenfalls dunkelblau und stark
geschwollen waren. Vorsichtig wurde ich gesäubert und bekam
frische Kleidung, die nicht mir gehörte aber glücklicherweise
gut passte.

Zur Beobachtung legten sie mich in ein kleines Zimmer,
das mit einem Fenster zum Flur versehen war. Ab und zu bewegte
sich der kleine Vorhang am Fenster und ich sah das Gesicht
einer Schwester. Dankbar legte ich mich in die frische
Bettwäsche zurück und fühlte mich zum ersten Mal seit Wochen
sicher und beschützt.


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#

Unter den Patientinnen der geschlossenen Station waren
noch andere, die versucht hatten, ihrem Leben ein Ende zu
setzen. Wenn ich im Flur vor den Arztzimmern mit ihnen
zusammensaß schien es mir, als gäbe es eine unausgesprochene
Hierarchie unter den suizidalen Frauen. Ohne Zweifel hatte
Melanie den höchsten Rang, sie sprach kaum und war
gewalttätig. Alle hatten sie schon mit Tischen aus dem
Speisesaal werfen sehen. Es brauchte dann mehrere Pfleger um
sie ruhig zu stellen.

Sie nutzte auf der Station jede Möglichkeit sich selbst
zu verletzen und brachte sogar die energische Stationsärztin
zum Weinen weil sie so zart und liebevoll Klavier spielte und
doch diese unglaublich heftigen Schübe von Selbsthass hatte,
die durch keine therapeutische Behandlung zu stoppen war.

Melanie ritzte sich mit Glasscherben blutige Kreuze in
die Handgelenke, zündete Vorhänge an und schluckte Batterien.

In solchen Situationen wurde sie an ihrem Bett fixiert.
Dort lag sie dann für alle sichtbar mit Ledergurten um Taille
und Handgelenke. Wir bewunderten sie wie eine tragische
Heldin.


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Eine junge Frau hatte Toilettenreiniger getrunken und ich
fragte mich verstört, warum sie noch am Leben war. Ihre
Stimme, der man die Verätzung nicht mehr anhörte, hatte
Gewicht.

Mit meinem Brückensprung lag ich im Mittelfeld, während
die schmächtige ältere Dame, die versucht hatte, sich mit
Schlaftabletten umzubringen, kaum Beachtung fand.

#
Die Musik kam aus dem Fernsehzimmer. Ich erkannte das
Lied sofort. "Noch ein Leben" von Pur.
Melanie lag auf dem fleckigen Ledersofa, hörte eine ihrer
Lieblings-Kassetten.
Ich setzte mich vorsichtig in einen Sessel. Ohne zu
sprechen oder uns anzusehen hörten wir zu.

"Ein kalter Schauer fährt mir durch die Haut
aus dem Gedächtnis nicht gelöscht.
Warum in jener Nacht, was hast du nur gedacht?
Was hat die Zweifel weggewischt?
Die tiefe Traurigkeit in dir
dafür fehlte das Gespür...
hab ich, ganz anders als dein Lächeln,
im Trubel übersehen.



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'Drachen sollen fliegen'

war dein Lieblingslied.

Und in jener Nacht hast du es wahr gemacht

und bist los geflogen

aus dem dreizehnten Stock!...

Ich wünsch dir noch ein Leben.
Noch ein Leben
mit einer fairen Chance!...


In diesem Moment im staubigen Fernsehzimmer verstand ich
das Lied und wünschte mir insgeheim, jemand würde so um mich
trauern. Das hätte nämlich bedeutet, dass ich Menschen hatte,
die mich liebten und die mich vermissen würden.

In diesen ersten Wochen im Krankenhaus spürte ich eine
seltsame Verbundenheit mit Melanie. Ich kannte den rohen
Schmerz, der sie dazu trieb Tische zu werfen oder die Stirn
gegen die Wand zu schlagen. Und auch ich sah damals in einer
Glühbirne nur eine Waffe gegen die eigenen Handgelenke.

#
Die Therapeutin saß mir gegenüber. Ihre Fragen konnte ich
leicht beantworten, aber ich durfte Frau Fuchs dabei um keinen


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Preis ansehen. Ihr Blick war warm und ich hatte Angst davor
mich dieser Wärme zu öffnen. Also ließ ich die lange
vergrabenen Situationen langsam in mir aufsteigen und teilte
sie Frau Fuchs mit, während mein Blick starr auf den
Heizkörper neben ihr gerichtet war.

Ich weinte nie. Wenn ich etwas Belastendes berichtete,
verzog sich mein Gesicht zu einem höflichen Lächeln. Ich
wusste, dass ich schlimme Dinge erlebt hatte, aber ich konnte
die dazu gehörige Emotion nicht fühlen. Zu lange hatte ich
eine Schutzmauer um sich herum gebaut.

Außerdem gab es das schrecklich verwirrende Wispern in
meinem Kopf, das einsetzte, sobald ich die Praxis verließ. Es
war als würde die Krankheit sich gegen jeden Moment mit Frau
Fuchs energisch verteidigen.

Ich hörte dann die verzweifelte Stimme von Frau Fuchs,
die weinte, dass sie die Arbeit mit mir nicht mehr aushalten
könne. Wie damals auf der Brücke fühlte ich mich dann
schuldig. Ich war eine Belastung. Kein Mensch konnte mich
aushalten und der einzige ehrenhafte Weg das zu verhindern war
vielleicht der Tod.

#
Am Weihnachtsabend konnte ich die Stille in meiner
dunklen Wohnung nicht mehr ertragen. Alle Freunde und Nachbarn


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waren nach Hause gefahren und ich litt unter der Entfremdung
von meiner Familie. das Gefühl der Einsamkeit wurde immer
überwältigender.

Nach und nach wurde die innere Leere und Trauer so
beängstigend, dass ich das Gefühl hatte, wahnsinnig zu werden,
wenn ich nicht sofort mit einer mir nahen Person sprechen
konnte.

Verzweifelt wählte ich Frau Fuchs´ Telefonnummer, wohl
wissend, das auch Psychotherapeutinnen mit ihren Familien
Weihnachten feiern.

"Ich brauche meine Mutter", weinte ich ins Telefon. "
Mama ist da" sagte Frau Fuchs ruhig, während ich vor
Dankbarkeit gleich wieder in Tränen ausbrach.

Ich beruhigte mich ein wenig und sie gab mir die Aufgabe,
meine Emotionen in Form von Bildern aufs Papier zu bringen und
dann nach den Ferien mit ihr auszuwerten. So saß ich in meinem
Zimmer und malte Aquarelle bis ich müde wurde.

#
Psychisch Krank


Am Ende meiner Psychotherapie stand das Bedürfnis, mich
selbst mit liebevollem Blick zu betrachten und mir nicht


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selber ständig den Stempel " krank" aufzudrücken.

Bis zu diesem Punkt durchlief ich einen langen Prozess.
Angefangen habe ich, indem ich mich selber als Opfer meiner
Geschichte wahrnahm. Ich dachte: Weil ich eine traumatische
Kindheit hatte, bin ich krank geworden und das ist schlimm.

Ich bin kaputtgegangen. Die gesunde Angelika ist bei dem
Brückensprung gestorben. Überlebt hat die kaputte psychisch
Kranke.

Ohne Frage fühlte ich mich mit diesen Gedanken miserabel.

Dann begegnete ich meiner buddhistischen Lehrerin. Sie
wiederholte mir gegenüber immer wieder dass Menschen nicht
kaputt gehen können, selbst wenn es so wirken mag.

Sie liess mich wissen, das meine Essenz unverletzbar sei.
Und das ich mich immer auf die Klarheit und Unversehrtheit
meines Herzens verlassen konnte.

Ich hörte aufmerksam zu, konnte diese Art mich selbst zu
sehen aber nicht wirklich aufrecht erhalten. Immer wieder
richtete ich meine Aufmerksamkeit auf meine vermeintlichen und
realen Defizite.


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Diese Erfahrung wurde untermauert von meinen Erfahrungen
als psychisch kranke Frau in einem Umfeld in dem noch viel
Angst und Unverständnis bestand, was dazu führte das die
Diskriminierung stetig präsent war.

Etwa im fünften Jahr der Therapie bei Frau Fuchs stellte
sich mir mein Leben erstmals anders dar. Ich lebte in einer
harmonischen Beziehung und arbeitete engagiert und erfolgreich
als Ergotherapeutin. Erstmals nahm ich mich zunehmend als
gesünder, kompetent und stark wahr. Ich war fähig zu lieben
und zu arbeiten.

Kurz vor dem Ende meiner Therapie hatte ich endlich
konkret erfahren was meine buddhistische Lehrerin gemeint
hatte. Klienten und Freunde begannen sich zunehmend an mich zu
wenden wenn sie vor Herausforderungen standen und nach einem
Weg suchten. Ich hatte mich von einem Notfall zu einer
Spezialistin für Notfälle entwickelt.

Heute achte ich sehr aufmerksam auf meine Gedanken. Ich
weiß wie überaus wirksam sie sind und wie es sich anfühlt,
defizitorientiert und selbstmitleidig auf sich selbst zu
schauen. Ich schaffe mir meine Welt die ich wahrnehme durch
die Dinge, denen ich immer wieder Aufmerksamkeit schenke. Mich


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selbst als wertvoll, liebenswert und stark wahrzunehmen ist
nach Jahren der gedanklichen Hölle eine unglaubliche
Erleichterung.

#

Du bist genug!

Meine Jugend und junge Erwachsenenzeit über trug ich in
mir das permanente Gefühl, nicht genug zu sein. Ich versuchte,
erfolgreich zu sein um die Scham über mein "nicht genügen" zu
überdecken - mit Leistungen, die mich mich etwas Wert machen
sollten. Hätte ich mein Cello nicht gehabt, wäre ich ein
Nichts gewesen. In mir war der Wunsch, dazu zu gehören, in
Beziehung mit mir lieben Menschen zu sein. Ohne etwas
besonderes zu Leisten hatte ich kein Recht zu existieren.


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Wie viele Menschen hatte ich noch nicht gelernt, mich
bedingungslos gern zu haben.

Brene Brown, die amerikanische Autorin und
Wissenschaftlerin, hat in ihrer Forschung heraus gefunden, das
Scham vor allem in einem Umfeld von erbarmungsloser
Selbstkritik gedeiht, und dem Schweigen über die eigene Angst,
die sagt: Wenn die Anderen wüssten wie ich tief im Inneren
wirklich bin, würden sie mich verstoßen und verachten.

Mit der Diagnose Schizophrenie bekamen meine Ängste eine
neue Dimension. Ich war offensichtlich nicht normal. Meine
Wahrnehmungen waren verrückt. Ich war ein kaputter Mensch. Und
ich konnte diese Tatsache nicht wie meine anderen
Selbstzweifel geheim halten. Alle meine Freunde und Verwandten
wussten davon.

Aus diesem Grund konnte ich lange keine Hilfe annehmen.
Ich sprach mit niemanden über die Scham und die Schuldgefühle.
Meine inneren Stimmen verboten mir während des akuten Wahns,
zu sprechen. Mein Unterbewusstsein war voller Panik,
irgendjemand könne hinter meine Fassade schauen und sehen, wie
erbärmlich ich wirklich war.

Noch lange trug ich die Scham mit mir herum.


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Was mir half aus diesem Albtraum zu erwachen war mein
Mut, mich trotz aller Angst zu zeigen, und die wiederholte
Erfahrung, trotz meiner Verletzlichkeit geliebt zu werden. So
wie ich war angenommen zu sein. Es war die Erfahrung, das
Menschen nicht zurückschreckten wenn ich mich öffnete und
einen Blick auf mein Inneres zuließ. Frau Fuchs lächelte mich
nach meinen Geständnissen weiter freundlich an, Shantimayi
liebte mich trotz meiner scheinbaren Mängel, meine
Partnerinnen liebten mich obwohl sie mein Inneres kannten.

Auch das Schreiben und Sprechen über mein Leben mit
Schizophrenie hilft mir sehr. Ich mache wieder und wieder die
Erfahrung, das ich geschätzt und geliebt werde, mit und trotz
der Diagnose, die für mich immer unwichtiger wird.

Heute erfahre ich meinen Wert nicht mehr über das was ich
leiste. Es gab Zeiten in denen ich buchstäblich nichts
beizutragen schien. Und trotzdem war ich genug. Wie ein Baum,
der einfach da steht, war auch ich einfach da. Das genügte.

Ich habe verstanden das ich nicht allein bin mit meiner
Scham. Der Angst zu dick, zu faul, zu laut, zu fordernd, zu
bedürftig, zu ....... zu sein.


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Wenn ich Andere in mein Inneres schauen lasse, höre ich
immer wieder die unendlich erleichternden Worte: "Das kenne
ich, das geht mir auch so".

Und damit wird der Scham der Nährboden entzogen. Ich kann
mich jetzt bedingungslos gern haben. Und wenn ich etwas
leiste, tue ich das aus dem Wunsch heraus, zu wachsen, mich zu
entwickeln und etwas Wunderbares zu kreieren. Mit Freude und
Begeisterung etwas zu erschaffen oder jemandem zu helfen.

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Alle Daten


  • 24. April 2019 19:00
 

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